Hansjörgs Blogeinträge

Gründerzeit, Klassizismus, Neugotik

Willkommen auf meinem Blog. In den nächsten Wochen werde ich mich in diesem Blog mit dem Thema der Formensprache beschäftigen. Jeden Mittwoch wird es einen neuen Beitrag geben. Einen kurzen Themenüberblick finden sie hier. Der heutige Beitrag wird sich mit dem Thema "Gründerzeit, Klassizismus, Neugotik " befassen.

In der Übergangszeit vom Barock zur Gründerzeit haben sich Baumeister und Architekten bei besonderen Bauwerken wie Museen, herausragenden Wohngebäuden in eigenen Parkanlagen, aber auch bei Bahnhöfen und Fabrikanlagen häufig an Formen der griechisch-römischen Architektur angelehnt - deshalb die Bezeichnung Klassizismus.

Es waren spezielle, unterschiedliche Aufgabenbereiche, für die noch eine eigene Formsprache gefunden werden musste. Für die große Masse der Gesellschaft hat die Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine ungeheuere gesellschaftliche Veränderung mit sich gebracht: der Aufbau großer Fabrikanlagen und der dazugehörigen Infrastruktur, wie Strassen, Ver- und Entsorgung, Entwicklung des Schienen- und Massenverkehrs und vor allem die Schaffung neuen Wohnraums. Dafür wurden drei bis fünfgeschossige Mehrfamilienhaustypen entwickelt, bei denen, von der Straße aus zugänglich, bis zu drei geschlossene Wohnblocks hintereinander um Innenhöfe angeordnet waren. Hierbei erhielt die Hauptfassade zur Straße meist ein dem Renaissancestil angelehntes, gegliedertes Aussehen.

In der Erdgeschosszone wurden häufig ‚moderne’ Bauelemente wie Gusseiserne Säulen, Markisen und Schaufensterteile aus industrieller Produktion eingebaut, sowie Einrichtungen für den täglichen Bedarf untergebracht, wie Lebensmittelgeschäfte, Gaststätten, Kaffees, kleinere Handwerksbetriebe, Manufakturen usw.

Um den aus vielen Gegenden zusammengekommenen Neubürgern in diesen neu entstandenen Siedlungsgebieten einen Ort der Indentifizierung zu geben, erhielten öffentliche Bauten wie Verwaltungsgebäude, Schulen und andere Verwaltungen eine herausragende Zuordnung zu ihrem nachbarschaftlichen Umfeld – auch um die Allgegenwärtigkeit des Staates zu demonstrieren.

Das gilt auch für den Kirchenbau, dem im Rückgriff auf einen historischen Baustil - der mit großer Religiosität in Verbindung gebracht wurde - begegnet werden sollte. Gotische Bauten wurden -teilweise nach einer Bauunterbrechung von mehreren 100 Jahren - fertig gestellt. In Neubauten wurden formale gotische Stilelemente vor allem in der äußeren Erscheinung übernommen, wie Spitzbogenabschluss an Türen und Fenstern, sowie im Innern Maßwerk und Rippengewölbe.

Auf den mehrschichtigen Wandaufbau wurde aber weitgehend verzichtet, weil ‚das nicht fassbare Jenseits einem unerschütterlichen Platz im Diesseits’ weichen musste. Die Lage von Eingängen und Türmen waren häufig auf die städtebaulichen Gegebenheiten unter Verzicht auf Axonometrie ausgerichtet.

Der gesamte Innenraum mit mehreren Emporen in unterschiedlichen Ausrichtungen wirkt im Allgemeinen gelagert mit breiten Jochbögen für guten Blickkontakt zum Zentralraum, in dem Altar und Kanzel angeordnet sind. Die Ausstattung ist zurückhaltend und im Allgemeinen von feierlichen, klassischen Stilelementen und historischen Bilddarstellungen belebt. Der Gesamteindruck unterscheidet sich trotz der historischen Stilelemente erheblich von dem der Kathedralengotik.

Diese Beispiele veranschaulichen die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem Bewusstsein einerseits und architektonischer Antwort andererseits und verdeutlichen, wie nicht nur das Gesamtbauwerk, sondern jede Formgebung bis in die Einzelform hinein, auf ihre Grundform reduziert, durch ihre raumgreifende Wirkung unsere sinnliche Wahrnehmung steuern und somit unser Denken beeinflussen kann.

Der nächste Blogbeitrag erscheint am 31.10.2018 und wird sich mit dem Thema: "Jugendstil" beschäftigen.

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