Hansjörgs Blogeinträge

Die Deutsche Sondergotik

Willkommen auf meinem Blog. In den nächsten Wochen werde ich mich in diesem Blog mit dem Thema der Formensprache beschäftigen. Jeden Mittwoch wird es einen neuen Beitrag geben. Einen kurzen Themenüberblick finden sie hier. Der heutige Beitrag wird sich mit dem Thema "Die Deutsche Sondergotik" befassen.

Auch in England hat - wie im Norden Frankreichs - eine Hinwendung zur gotischen Formsprache statt gefunden. Es sind meist große Anlagen von monumentaler Erscheinung. Die Westseite wird von einer reich geschmückten, in die Breite gezogenen Doppelturmfront gebildet mit großer Fensterfläche zum Mittelschiff - keine Rosette - die Türme mit festungsähnlicher Ausstrahlung. Das Kirchenschiff ist meist einschiffig oder mit basilikalischem Querschnitt errichtet, lang gezogen, häufig mehrfach unterteilt und von einer kunstvoll gegliederten Rippendecke überspannt.

In Deutschland ist die gotische Kathedrale französischer Prägung vor allem in den Gebieten anzutreffen, die früher teil des Römischen Imperiums waren. Ausnahmen sind z. B. der Magdeburger Dom oder der Veits Dom in Prag, deren Erbauer eine besondere Beziehung zu Frankreich hatten.

In den übrigen deutschen Kernländern hat sich im Verlauf der nächsten ca. 200 Jahren ein Baustil entwickelt, der unter dem Begriff deutsche Sondergotik eingeordnet wird. Zwar sind die wesentlichen Stilmittel der Kathedralengotik übernommen worden, aber die äußere Erscheinung des Bauwerks wird wesentlich vom Innenraum ausgehend bestimmt - z. B. keine Doppelturmfassade, meist nur ein Turm zur Aufnahme der Glocken, keine Strebewerke.

Der Kirchenraum wird entsprechend den Bedürfnissen des aufkommenden Bürgertums und dem zunehmenden Reformationsbestrebungen im Umfeld und in der Kirche zur feierlichen Versammlungshalle.

Durch das Anheben der Seitenschiffhöhe auf das Niveau des Mittelschiffs weist der Innenraum immer noch eine starke Gliederung auf, lässt aber durch eine raumübergreifende Rippenstruktur der Decken sowie durch die Transparenz zwischen den raumhohen Säulen die umschließende Außenbegrenzung erkennen. Die Gemeinde kann sich innerhalb dieses Raums als Einheit erleben. Das Gegenüber von Priester und Gemeinde beginnt sich aufzulösen z. B. durch die Einführung der Kanzel und deren Verlagerung vom Altarraum weg zur Hallenmitte. Die Schmuckelemente werden reduziert, um die Sinne für das gesprochene Wort zu schärfen.

Zunehmende Bedeutung bekommt auch die Orgel. Sie wurde meist hinter dem Westgiebel, die gesamte Fläche ausfüllend, auf einer oder mehreren Emporen aufgebaut. Sie nimmt durch zahlreiche Pfeifenregister eine - durch Optik und Akustik - den Innenraum beherrschende Rolle ein.

Eine weitere Besonderheit im Norden ist auf Grund fehlender Natursteinvorkommen die Verwendung von Ziegeln anstelle von Natursteinen. Durch die Kleinteiligkeit dieses Materials haben sich hier zahlreich charakteristische, sich an den gotischen Schmuckelementen ausrichtende Formen herausgebildet.

Der nächste Blogbeitrag erscheint am 03.10.2018 und wird sich mit dem Thema: "Italienische Sondergotik" beschäftigen.

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